"I Am Lindsay Clancy" — Ist die Welt untergegangen und keiner hat's gemerkt?

Bild: Techpuls / KI-generiert
Im Januar 2023 erwürgte Lindsay Clancy ihre drei Kinder — Cora (5), Dawson (3) und den acht Monate alten Callan — mit Fitnessbändern. Sie hat ihren Mann vorher gezielt zum Einkaufen geschickt. Hat gewartet, bis er weg war. Und dann hat sie es getan.
Das sind keine Anschuldigungen. Das bestreitet nicht mal die Verteidigung. Es ist passiert. Drei Kinder. Tot.
Und jetzt, dreieinhalb Jahre später, stehen Hunderte Frauen in pinken Shirts vor dem Gerichtsgebäude in Plymouth, Massachusetts, und fordern Solidarität. Nicht für die Kinder. Für die Frau, die sie umgebracht hat.
Ich frage mich ernsthaft: Ist die Welt irgendwann untergegangen und wir leben seitdem in der Hölle? Was zur Hölle passiert hier gerade?
Die TikTok-Heiligsprechung
Auf TikTok drehen Mütter Videos unter dem Titel “I Am Lindsay Clancy” — und halten dabei ihre eigenen Babys im Arm. Lest den Satz nochmal. Mütter identifizieren sich öffentlich mit einer Frau, die ihre drei Kinder erwürgt hat, während sie ihre lebenden Kinder in die Kamera halten. Wenn das nicht reicht, um an der Menschheit zu zweifeln, weiß ich auch nicht weiter.
Es gibt Merch. Shirts, Mützen, Sticker, Tassen, Socken. Alles mit Solidaritätsbotschaften. Für eine dreifache Kindsmörderin. Als wäre sie ein Opfer. Als wären nicht drei Kinder die Opfer.
Ein GoFundMe hat über eine Million Dollar eingesammelt. 31.000 Spenden. Für ihre Eltern — aber die Kommentare darunter lesen sich wie ein Fanclub. Über eine Million Dollar. Für die Familie der Täterin. Für die toten Kinder: Hashtags.
“Er war halt Sternzeichen Zwilling”
Und weil das alles noch nicht absurd genug ist: In den Kommentarspalten wird allen Ernstes der Ehemann angegriffen. Patrick Clancy. Der Mann, der an dem Abend einkaufen war. Der nach Hause kam und seine drei toten Kinder fand. Der Mann, der alles verloren hat.
Die Erklärungen, die sich Leute aus den Fingern saugen, sind so jenseits von Realität, dass man lachen würde — wenn nicht drei Kinder tot wären. Er sei schuld, weil er sie “allein gelassen” hat. Er hätte es sehen müssen. Er war toxisch. Und mein persönlicher Favorit: sein Sternzeichen. Er sei Zwilling und deshalb irgendwie mitverantwortlich dafür, dass seine Frau ihre gemeinsamen Kinder umgebracht hat.
Sternzeichen. Als Erklärung für dreifachen Kindsmord.
An dem Punkt muss man sich fragen, ob wir als Gesellschaft noch zu retten sind oder ob wir den ganzen Laden einfach dichtmachen sollten.
Was hier wirklich passiert
Postpartale Psychose ist real. Es ist eine schwere psychische Erkrankung und sie verdient bessere Versorgung, mehr Forschung, mehr Aufmerksamkeit. Das steht außer Frage.
Aber das hier ist keine Awareness-Kampagne. Niemand auf TikTok kämpft für bessere psychiatrische Versorgung nach Geburten. Die kämpfen für einen Freispruch. Für die Idee, dass eine Frau, die drei Kinder unter sechs Jahren erwürgt hat, “eigentlich auch ein Opfer” ist. Und wer widerspricht, ist herzlos.
Clancy hat ihren Mann aus dem Haus geschickt, bevor sie es tat. Das ist kein psychotischer Kontrollverlust. Das ist ein Plan. Die Staatsanwaltschaft hat über 70 Zeugen aufgerufen, um genau das zu belegen.
Und selbst wenn man die Psychose vollständig akzeptiert — drei Kinder sind trotzdem tot. Cora wäre jetzt acht. Sie hätte dieses Jahr in die dritte Klasse kommen sollen. Dawson wäre sechs. Callan hat nie laufen gelernt. Nie ein Wort gesagt. Das sind nicht irgendwelche abstrakten Opfer für eine Social-Media-Debatte. Das waren Menschen.
Der Susan-Smith-Test
1994 ließ Susan Smith ihr Auto mit ihren zwei angeschnallten Söhnen in einen See rollen. Geplant. Kaltblütig. Fast identisch in der Vorsätzlichkeit.
Damals: Keine pinken Shirts. Keine TikTok-Solidarität. Kein GoFundMe. Keine Sternzeichen-Analyse des Ehemanns. Smith wurde verurteilt und sitzt bis heute.
Was hat sich geändert? Nicht die Moral. Nur die Plattformen. Social Media hat eine Maschinerie geschaffen, die parasoziale Beziehungen zu buchstäblich jedem aufbaut — Influencern, Prominenten, und jetzt Angeklagten in Mordfällen. Der Algorithmus zeigt dir nicht, was richtig ist. Er zeigt dir, was dich festhält. Und offenbar hält dreifacher Kindsmord mit Sympathie-Spin die Leute besser fest als die Wahrheit.
Wäre Lindsay ein Lindsay-Mann, wäre die Sache längst vorbei
Stellen wir die Frage, die sich niemand traut zu stellen: Würde ein Vater seine drei Kinder erwürgen, gäbe es dann pinke Shirts vor dem Gericht? Würden Männer TikToks drehen mit dem Titel “I Am [sein Name]”, während sie ihre eigenen Kinder im Arm halten?
Wir müssen nicht mal spekulieren. Es gibt den Fall. 2018 erwürgte Chris Watts seine schwangere Frau und seine beiden Töchter, Bella und Celeste, in Colorado. Er hatte damals ebenfalls psychischen Stress vorgeschoben — eine Affäre, Beziehungsdruck, angeblicher “Blackout”. Ergebnis: Kein GoFundMe mit sechsstelligen Beträgen. Keine Solidaritätsbewegung. Keine Merch-Kollektion. Keine Menschenmenge vor dem Gericht, die für ihn “Believe” auf Shirts trug. Die Öffentlichkeit fand ihn zurecht abstoßend und verurteilte ihn ohne einen Funken Mitgefühl.
Gleiche Tat, im Kern: ein Elternteil, das die eigenen Kinder umbringt. Unterschiedliches Geschlecht. Komplett unterschiedliche öffentliche Reaktion.
Das ist der Kern des Problems. Es gibt eine tiefe, gesellschaftlich verankerte Bereitschaft, Frauen als Täterinnen automatisch auch als Opfer zu lesen — “sie muss überfordert gewesen sein”, “das System hat sie im Stich gelassen”, “ein Mann hätte ihr helfen müssen”. Bei einem Mann würde niemand fragen, welches Sternzeichen seine Frau hatte. Bei Clancy wird ernsthaft der Ehemann durchleuchtet, weil er angeblich “nicht genug da war” — obwohl er der Vater ist, der jetzt ohne seine drei Kinder leben muss.
Diese Doppelmoral ist keine Randnotiz. Sie ist der Grund, warum eine Frau, die drei Kinder vorsätzlich tötet, mit einer Million Dollar Spenden und einer Fanbase rechnen kann, während ein Mann für die gleiche Tat zu Recht als Monster gilt und bleibt. Wenn Gleichberechtigung bedeutet, dass Frauen dieselben Rechte UND dieselbe Verantwortung tragen wie Männer, dann ist das hier das Gegenteil davon. Das ist keine Gleichstellung. Das ist ein Freifahrtschein mit Blumenstrauß.
Behandlung ja. Freispruch nein.
Lindsay Clancy braucht psychiatrische Behandlung. Die bekommt sie seit 2023 in einer Klinik. Gut so.
Aber “nicht schuldig” heißt nicht “krank und in Behandlung”. Es heißt: keine Konsequenz. Kein Schuldspruch. Für den Tod von drei Kindern, die sich nicht wehren konnten.
Wer will, dass postpartale Erkrankungen ernst genommen werden — kämpft für bessere Versorgung. Nicht für den Freispruch einer Kindsmörderin. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, auch wenn die pinken Shirts das so verkaufen.
Und an alle, die sich gerade auf TikTok fragen, warum “die Gesellschaft” nicht genug Empathie für Lindsay Clancy aufbringt: Die Gesellschaft hat ihre Empathie nicht verloren. Ihr habt nur vergessen, wem sie gehört.
Drei Kinder. Cora. Dawson. Callan.
Die verdienen mehr als euren Hashtag.