Gesetzestexte lesen fühlt sich im Netz meist an wie Aktenstudium: endlose Listen, nackte Paragraphen, Behörden-Grau. Unser Hausprojekt Kanon — die nicht amtliche Lesefassung von neun deutschen Kerngesetzen mit 6.328 Normen — wollte das nie sein. Jetzt haben wir die Idee konsequent zu Ende gedacht: Kanon sieht aus wie das, was es abbildet. Ein Gesetzbuch.

Ein Buch, kein Endlos-Scroll

Das Herzstück des Redesigns ist die neue Gesetzesansicht. Wer das BGB, das StGB oder die ZPO öffnet, blickt auf ein aufgeschlagenes Buch: links das Register mit Gliederung und Filterfeld, in der Mitte ein angedeuteter Bundsteg mit Schattenverlauf, rechts die aufgeschlagene Norm. Farbige Buchreiter an der Außenkante markieren die Bücher und Teile des Gesetzes — beim BGB etwa vom Allgemeinen Teil bis zum Erbrecht, jeder Reiter in seiner eigenen Farbe. Wer mit der Maus darüberfährt, sieht die Farbe schon als zartes Pastell aufleuchten, bevor er klickt.

Geblättert wird wie im echten Buch: mit den Pfeiltasten, den Schaltflächen unter dem Text — oder per Klick ins Register. Ein subtiles, synthetisch erzeugtes Papierrascheln begleitet jeden Seitenwechsel. Keine Audiodatei, kein Download: Das Geräusch entsteht in Echtzeit aus gefiltertem Rauschen direkt im Browser.

Text, der sich schreibt

Bei Animationen sind wir bewusst konservativ geworden. Frühere Entwürfe ließen Seiten dreidimensional hereinkippen — hübsch beim ersten Mal, nervig beim hundertsten. Die Forschung zur Usability von Bewegtbild ist da eindeutig: Bewegung im Blickfeld reißt die Aufmerksamkeit an sich, und rotierender Text ist schlicht unlesbar.

Die Lösung ist eine Eigenentwicklung, auf die wir ein bisschen stolz sind: Der Normtext steht sofort vollständig an seinem Platz — aber eine weiche Aufdeckwelle läuft in gut einer halben Sekunde diagonal durch die Zeilen, an ihrer Kante glimmen die Buchstaben champagnerfarben auf, als würde eine unsichtbare Feder sie gerade setzen. Lesbar ab der ersten Millisekunde, GPU-beschleunigt, ohne Layout-Sprünge. Wer in seinem System reduzierte Bewegung eingestellt hat, bekommt den Text schlicht ohne Effekt.

Handwerk unter der Haube

Ein Redesign ist schnell behauptet. Die eigentliche Arbeit steckte in den Details:

  • Neue Adresse: Aus dem kryptischen Pfad /v4/ wurde sharko.icu/kanon — mit sauberen 301-Weiterleitungen für alle 6.328 Seiten, damit Suchmaschinen-Rankings und Lesezeichen weiterleben.
  • Wirklich responsive: Auf dem Smartphone klappt das Buch einspaltig zusammen, die Buchreiter werden zur wischbaren Leiste. Ein hartnäckiger Flexbox-Klassiker — Registereinträge, die den Viewport auf das Dreieinhalbfache aufsprengten — ist beseitigt.
  • Ehrliche Angaben: Jede Norm trägt sichtbar ihr Stand-Datum und den Hinweis auf die nicht amtliche Lesefassung. Maßgeblich bleibt das Bundesgesetzblatt.
  • Impressum und Datenschutz sind jetzt von jeder einzelnen der 6.328 Seiten aus erreichbar, und die Oberfläche ist vollständig zweisprachig — ein Klick schaltet auf Englisch um.
  • Beim Scrollen bleibt der Text stehen: Bei langen Registern wie dem StGB wandert die aufgeschlagene Norm einfach mit, statt oben aus dem Bild zu laufen.

Die Startseite bekam denselben Anstrich: ein monumentaler Serifen-Titel im Stil einer Gerichtsinschrift, darunter die Rechtsgebiete als aufklappbares Verzeichnis — das Strafrecht steht standardmäßig offen, es ist schlicht das meistgelesene.

Warum das Ganze?

Weil Gesetzestexte allen gehören und es verdient haben, gut gesetzt zu sein. Kanon bleibt, was es war: statisches HTML ohne Datenbank, ohne Tracking, ohne Anmeldung, jede Norm eine echte Seite mit Querverweisen und Fassungshinweisen. Nur sieht es jetzt so aus, als hätte jemand dabei an die Leserin gedacht.

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